Warum Fragen den Unterschied machen können
- Stephanie Biscan

- 19. Okt. 2025
- 3 Min. Lesezeit

„Wie hältst du eigentlich dein Leben, als Mensch mit Behinderung aus – mit all den schwierigen Dingen, die dazugehören?“
Diese Frage stellte mir diese Woche ein 9- oder 10-jähriges Mädchen im Rahmen des
„Rollisport bewegt Schule“ - Projekts, welches ich immer wieder mitleiten darf.
Diese Frage hat mir die Socken ausgezogen.
Ich habe eine Gänsehaut bekommen.
Wir sitzen im Kreis, jedes Kind sitzt in einem Rollstuhl.
Wir haben gerade den Parcours besprochen, der verschiedene Alltagsbarrieren darstellen sollte – und ausgewertet.
Jetzt dürfen die Kids mich mit Fragen löchern.
Ich habe mit allem gerechnet – nur nicht mit dieser Frage.
Ich muss kurz meine Gedanken sortieren, die gerade in Lichtgeschwindigkeit durch meinen Kopf rasen.
Diese Frage kann man nicht in zwei oder drei Sätzen beantworten.
Ich beginne damit, ihr zu sagen, dass ich mein Leben nicht anders kenne.
Mich gibt es – und wird es auch nicht – ohne Behinderung.
Das ist ein riesiger Unterschied zu Menschen, die im Laufe des Lebens eine Behinderung bekommen.
Ich habe kein Leben, dem ich nachtrauern kann.
Es gibt kein Vorher und kein Nachher.
Und ehrlich: Ich würde mein Leben auch nicht eintauschen wollen.
Ohne meine Behinderung wäre ich nicht der Mensch, der ich bin.Ich würde nicht das tun,
was ich gerade tue – und ich liebe es.
Ich sage ihr aber auch, dass sie recht hat: Mein Leben ist weit weg von einer Blumenwiese.
Aber meine Behinderung an sich ist nicht das Problem – das Problem ist unser
gesellschaftlicher Umgang damit.
Ich erkläre ihr, dass, wenn die Welt barrierefrei wäre, eine Behinderung nur ein weiteres Merkmal eines Menschen wäre – nichts Besonderes.
Es sind nicht nur die physischen Barrieren. Oft sind es wir Menschen selbst.
Ich erzähle ihr, dass ich in ihrem Alter wahnsinnige Probleme mit meiner Schulklasse hatte, weil ich „anders“ war – und viele mit meiner "Andersartigkeit" nicht umgehen konnten.
Und dass das leider auch als junge Erwachsene noch vorkommt.
Diese Frage hat mich nicht losgelassen.
Und irgendwie hat das Leben beschlossen, sie mir in den Tagen danach auf seine eigene, unbarmherzige Weise zu beantworten.
Eine Tramfahrerin und ein Busfahrer weigern sich, die Rampe rauszunehmen.
Ein anderer Tag, ein anderer Ort – ich werde in einem Fahrstuhl als „Rollstuhlschlampe“ beschimpft und körperlich bedrängt.
Manchmal sitze ich da und frage mich, was das hier überhaupt alles soll.
Warum ich überhaupt das Haus verlasse.
Warum ich mich freiwillig in Räume begebe, die offensichtlich nicht für mich gedacht sind –und in denen ich erst recht nicht gewollt bin.
Warum?
Wieso?
Weshalb?
Und ja, manchmal will ich den Kopf in den Sand stecken.
Aufgeben.
Kapitulieren.
Verantwortung abgeben.
Aber ich habe Verantwortung – nicht nur mir selbst gegenüber,
sondern auch anderen Menschen.
Wir alle haben sie, auch wenn wir sie mittlerweile gerne abgeben.
Wenn ich mich beschwere, dass die Fahrstühle nicht funktionieren oder Fahrer ihre Rampen nicht bedienen wollen – dann tue ich das nicht, weil ich Lust auf Ärger habe.
Ich tue es, weil wir sonst irgendwann einfach nicht mehr rausgehen könnte.
Weil ich Verantwortung trage – nicht nur für mich, sondern für alle, in einer ähnlichen Situation stecken.
Wenn ich öffentlich teile, dass ich im Fahrstuhl beleidigt und bedrängt wurde, dann nicht, weil ich Mitleid will.
Sondern, weil Schweigen nichts verändert.
Weil Menschen sehen sollen, dass sie nicht allein sind – und andere vielleicht den Mut finden, nicht wegzuschauen.
Ich sage oft, dass ich ein privilegierter Mensch mit Behinderung bin:
Ich habe ein starkes Netzwerk an Menschen, die für mich kämpfen, wenn ich es nicht mehr kann.
Ich habe alle Hilfsmittel, die ich brauche, um selbstständig leben zu können.
Ich habe Zugang zu Ressourcen, die mir all das ermöglichen.
Und wenn ich den Mund aufmache, kann ich sagen, was ich will – und werde meist gehört.
Viele Menschen mit Behinderung haben diese Privilegien nicht.
Und genau deshalb sehe ich mich in der Pflicht, sie nicht nur für mich zu nutzen, sondern für alle.
Vielleicht ist das die eigentliche Antwort auf die Frage dieses Mädchens:
Ich halte mein Leben nicht „aus“.
Ich komme damit irgendwie klar.
Manchmal fällt es schwer, manchmal weiß ich nicht, wie ich weitermachen soll.
Aber solange es Menschen wie sie gibt, die sich trauen, solche Fragen zu stellen, gibt es noch eine Chance.
Wenn ich von Kindern solche Fragen gestellt bekomme, weiß ich: Wir machen mit diesem Projekt alles richtig.
Und ja, vielleicht gestalten wir damit eine bessere Welt für morgen.




Kommentare