Wenn Mobbingprävention beim Betroffenen endet, ist sie keine Prävention
- Stephanie Biscan

- vor 3 Tagen
- 3 Min. Lesezeit

In meinem Leben hatte ich schon so einige Mobbingpräventionsseminare - in meiner
Schulzeit, in meiner Arbeit als Trainerin.
Und es gibt eine Sache, die sich immer, wie ein roter Faden, durchzieht: Der Fokus liegt fast ausschließlich auf der Resilienz der Betroffenen.
Es geht immer wieder darum, wie Kinder, Jugendliche oder auch Erwachsene „stärker"
werden können. Wie sie lernen, Dinge nicht so nah an sich ranzulassen, denn:
„Wenn Kinder lernen es an sich abprallen zu lassen, kann ihnen das Mobbing nichts anhaben."
Wenn ich in solchen Seminaren sitze und so etwas höre, dann denke ich mir nur noch: „Nicht schon wieder."
Denn so wichtig Resilenz auch ist - dieser Ansatz greift viel zu kurz. Und noch mehr: Es verschiebt Verantwortung.
Resilienz ist wichtig, aber nicht die Lösung
Resilienz ist die Fähigkeit, mit Belastungen umzugehen, sich von Kriesen zu erholen und
handlungsfähig zu bleiben. Das ist wichtig, keine Frage.
Aber Resilienz ist kein Schutzschild gegen Gewalt - psychisch, sozial, auch körperlich. Die Annahme:
„Wenn du stark genug bist, kann dir Mobbing nichts anhaben“ ist nicht nur falsch, sie ist
gefährlich.
Denn sie sugeriert: Wenn es dich doch verletzt, dann hast du etwas falsch gemacht.
Verschobene Verantwortung
Solange Mobbingprävention allein bedeutet, Betroffene zu stärken passiert etwas
Entscheidendes im Hintergrund: Die Verantwortung wandert weg vom Täter.
Versteht mich nicht fasch, Betroffene zu stärken ist wichtig!
Aber nur ein Teil des Puzzels und wenn es in einem Mobingpräventionsseminar zum
Hauptthema wird, hat wer die Abfahrt verpasst und der Titel des Seminars wurde fasch
gewählt.
Plötzlich geht es nicht mehr um das Verhalten der Täter, sondern um die Reaktion der
betroffenen Person.
Nicht die Tat steht im Zentrum, sondern die Anpassungsleistung.
Das ist bequem.
Für Institutionen.
Für Schulen.
Für Teams.
Für Systeme.
Denn Verhalten zu ändern ist anstrengend.
Beroffene „resilienter" zu machen, klingt deutlich einfacher.
Ein Punkt, der im Resilienzdiskurs oft ausgeblendet wird:
Mobbing ist kein Konflikt, kein Streit, keine Meinungsverschiedenheit zwischen zwei
Menschen, sondern es ist der gezielte Angriff und wiederholende demütigung von Personen,
über einen längeren Zeitraum.
Deshalb nutze ich hier auch das Wort Täter und kein Synonym.
Resilienz entscheidet vielleicht darüber, wie jemand leidet.
Aber sie entscheidet nicht, ob jemand leidet.
Die drei Blinden Flecken von Mobbingprävention
Täter werden zu selten konsequent zur Verantwortung gezogen
Es reicht nicht, Gespräche zu führen. Es braucht klare Grenzen und Konsiquenzen.
Das Umfeld wird zu wenig geschult
Mobbing verstärkt sich, wenn die täter merken das niemand eingreift. Prävention muss Menschen befähigen, einzugreifen - nicht nur auszuhalten.
Strukturen werden nicht hinterfragt
Warum können, und welche Strukturen, begünstigen die Enstehung von Mobbing?
Solange Strukturen nicht hinterfragt werden, bleibt Prävention oberflächlich.
Was echte Mobbingprävention braucht
Echte Prävention fragt nicht zuerst:
Wie können die betroffenen besser damit umgehen?
Sondern:
Warum entsteht dieses Verhalten?
Wer hat Macht - und wer nicht?
Wer muss, wie, eingreifen ?
Welche Strukturen müssen verändert werden ?
Echte Prävention ist unbequem.
Sie verlangt Haltung, nicht nur Methoden.
Sie schützt nicht nur Individuen, sondern verändert Systeme.
Prävention muss gerecht sein
Resilienz ist ein Werkzeug.
Aber sie darf niemals zur Bedingung für Würde werden.
Solange wir Betroffene erklären, wie sie sich an Geqwalt anpassen sollen, statt Gewalt zu verhindern, ist das keine Prävention - sondern Verwaltung von Schaden.
Mobbing hört nicht auf, wenn Betroffene stärker werden.
Es hört auf, wenn Täter gestoppt werden, zur Verantwortung gezogen werden und Strukturen
sich verändern.
Erst dann ist Prävention wirksam
Und erst dann ist sie gerecht.




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